Sie haben es schön!

Aus einem Salonalltag.

18.September 2016

 

Samstag früh kurz vor 10 Uhr, stehe ich nach einer ¾ -stündigen Vorbereitungszeit

vor meinem Geschäft und gehe in mich versunken und in die Luft starrend den nun beginnenden Salon-Tag durch.

 

Welche Kundin ist terminiert? Was werde ich bei Frau Soundso heute machen? Sind meine Kundinnen alle zurecht gekommen mit ihren Frisuren? Werden alle an ihren Termin denken? Werden alle pünktlich sein? Muss noch jemand kurzfristig erinnert werden? Habe ich alles erledigt? Zum Glück ist es nun endlich nach der Hitze wieder eine angenehme Temperatur und meine Beine sind weniger geschwollen als die Tage zuvor, ich selbst fühle mich wesentlich fitter für den ganzen Tag...

 

Als meine Gedanken jäh von einer Stimme unterbrochen werden.

Eine hübsche junge Frau mit freundlichen blauen Augen und einer Uniform eines Pflegedienstes schwirrt auf mich zu, an mir vorbei und sagt zu mir:

 

Sie haben es schön!

 

Ich realisiere zuerst nicht so recht, was sie sagte und was sie meinte.

Und ich frage nochmal nach.

Die Eilige ruft mir zu „Na, Sie haben es doch schön, alles da bei Ihnen im Geschäft und Sie so entspannt. Kein Stress!“ und verschwindet im Lebensmittelgeschäft.

 

Ich muss zugeben, mein erster Impuls ist Unverständnis.

Ich empfinde diesen Ausruf im ersten Moment wie einen kleinen Vorwurf , da ich scheinbar nur entspannt vor dem Geschäft stehe und auf zufällige Kunden warten würde.

Was ich in den vorherigen 45 Minuten ziemlich schnell erledigt hatte

(Telefonanrufe prüfen und regeln, Terminanfragen per Mail vom Vorabend koordinieren, Wäsche waschen und Trocknerwäsche zusammenlegen, Arbeitsplatz nochmal auf Sauberkeit checken, Werkzeugpflege, Warenbestand überprüfen, etc.) , wusste sie ja nicht!

 

Was mich heute noch den ganzen Tag erwarten würde,

wusste sie ja auch nicht...

 

Keine Zeit zum Weiterdenken, mir fällt ein, dass ich noch etwas vergessen habe und eile wieder ins Geschäft, um dies zu erledigen.

Meine erste Kundin trifft ein, findet einen sauberen Ort und eine Friseurin vor, die sich auf sie freut, sich auf sie vorbereitet hat und nur für sie da ist.

 

Meine Kundin möchte anders aussehen, weiß nicht wie, aber anders.

Ich erfrage, versuche auf- und zu be-greifen, was sie meint und wo wir etwas ändern können.

Der erste Termin verzögert sich trotz sehr großzügiger Planung unerwartet um 15 Minuten. Die nächste Kundin kommt schon früher als geplant.

Ernstes Gesicht.

Oha, keine entspannte Situation. Was hat sie, wie geduldig reagiert sie?

 

Meine Kundinnen sind es gewohnt, dass ICH sie erwarte.

Aber sie lächelt mich an, nachdem ich mich entschuldige, dass es unerwartet etwas länger dauert, kommt nochmal 20 Minuten später wieder und das Geschäft ist für sie wie gewohnt in Windeseile so hergestellt, wie sie es kennt.

Sauber als wäre es die erste und einzige Kundin, eine entspannt wirkende Friseurin empfängt sie, die nun ganz für sie da ist.

 

Zwischendurch rief ich noch bei der Nummer zurück, die auf meinem Display blinkte. Von dem Anruf bekam meine 1.Kundin während ihrer Anwesenheit nichts mit, da das Telefon lautlos gestellt ist, um durch das Klingeln nicht zu unentwegten Unterbrechungen zu zwingen.

Blinkendes Display bedeutet mitunter entweder kurzfristige Absage oder Terminverschiebung auf die zügig reagiert werden muss. Ich habe eine Hilfe für den rezeptionellen Bereich, die 3 Mal die Woche für ca. 4 Stunden anwesend ist, heute ist ihr freier Tag!

 

Der Anruf ist eine Neukunden-Anfrage auf Empfehlung. Das freut mich.

Doch leider habe ich dieses Jahr keine Terminmöglichkeiten mehr für Neukunden, weil ich bis auf wenige 1-2 Stunden-Termine vollkommen von meiner Stammkundschaft ausgebucht bin und bereits die letzten Wochen schon einige Neukundentermine für den November untergebracht habe.

 

„Sie machen Witze!“ sagt diese Frau ungläubig, leicht amüsiert und dennoch pikiert, wieso das denn so lange dauere. Ich erkläre, dass ich keine Witze mache und biete ihr den einzigen noch möglichen Termin Anfang Januar 2017 an. Nachmittags, letzten Termin des Tages, um auch für diese Frau genügend Zeit für Beratung, Wunscherfassung und Ausarbeitung in wie gewohnt entspannter Atmosphäre zu bieten.

 

Die vorerst ernste Kundin erzählt mir, während ich ihre Farbe anmische und auftrage von einigen Erlebnissen, dann während der Einwirkzeit ihrer Farbe von traurigen Familienereignissen und ich höre ihr aufmerksam zu und versuche sie mental zu unterstützen.

Sie entspannt sich langsam, kann bei der Kopfmassage dennoch nicht von ihren Gedanken ablassen und beginnt erneut alles Aufgestaute zu verarbeiten. Ich verstehe sie. Lasse sie einfach alles aussprechen und führe meine Arbeit fort. Sie vertraut mir, sie muss es irgendwo loswerden und sie weiß, dass ich nichts weitertrage. Ein Vertrauensbeweis. Ich konzentriere mich währenddessen auf ihren Haarschnitt.

 

Die nächste Kundin ist früher als geplant da, ich bin gerade dabei, die Waschmaschine erneut zu befüllen und alles wieder herzurichten...

Sie kann schon Platz nehmen, ich gehe kurz raus und sammle mich für sie. Das gehörte von der vorherigen Kundin lasse ich kurz sacken, schließe dieses ab und widme mich voll und ganz der neuen Aufgabe.

Zwischendurch werde ich von fragenden Passanten unterbrochen, die dies und das wissen wollen...

Ruhige Musik läuft, ich bin für meine Kundin voll und ganz da, auch sie hat nichts Angenehmes zu berichten.

Ich schaue mir neben ihren Erzählungen ihr Haar an

entscheide derweil was nötig und sinnvoll ist, merke jedoch, dass ich ihr nun erstmal zuhören soll und beginne nach kurzer Absprache mit meiner Arbeit.

Während ich die Farbe anmische und auftrage erzählt sie...

In der Einwirkzeit reden wir beide über dies und das, der ein oder andere Herr betritt den Salon und fragt nach kurzfristigem Termin ( nachdem er draußen lesen konnte, dass es sich um einen Damensalon handelt! ).

 

Eine Dame fragt, ohne mich richtig anzuschauen doch den Blick durch den Geschäftsraum schweifend, ob ich mal eben die Spitzen schneiden könne.

Kann ich nicht, da ich dort eine Kundin sitzen habe.

Abschätziger Blick wieso ich da nur rumstehe und quatsche und ausserdem dauert sowas ja nur 10 Minuten...

Egal, steht auch draußen wieso Termine nötig sind und warum ich nichts eben mal zwischendurch machen kann, aber ich lasse mich nicht beirren.

Meine Kundin bekommt meine Aufmerksamkeit, ich denke stumm, ob ich vielleicht einfach die Ladentür abschließen soll. Geht ja nicht, bringt auch nichts, dann würde man anklopfen... Alles schon erlebt.

Bei mir macht sich langsam Galgenhumor breit.

Meine Kundin ist glücklich über ihr Aussehen, fühlt sich wieder wohl und teilt mir mit, wie gern sie zu mir kommt. DANKE!!! Das freut mich.

 

Weiter geht`s!

Der Salon ist sauber und ordentlich, als ob die erste Kundin käme.

Es kommen nochmal ein paar Herren rein und wollen die Haare geschnitten bekommen... Wie immer: „Dies ist ein Damensalon!“ Wo es denn noch Friseure gäbe. Es gibt rechts und links lang auf beiden Strassenseiten in nächster Umgebung 18 Friseursalons. „WO??? Habe ich nicht gesehen, wie viele Meter noch?“

Freundlich bleiben, entspannt bleiben, als wäre es das erste Mal, dass ich diese Frage beantworte.

 

Ich habe noch 15 Minuten Zeit bis zur nächsten Kundin.

Das verdanke ich meiner großzügigen Planung, um für meine Kundinnen immer ausreichend Zeit zu haben. Ein Qualitätsgeschenk an meine Kundinnen, um mich täglich den ganzen Tag auf einem guten Level ohne Hektik zu halten, für konstante Hochleistung und auch um einen freien Geist neue Ideen für Veränderungen zu haben.

 

Diesmal ist die Zeit also nicht aufgebraucht worden und ich habe einen kurzen Moment für mich.

 

Hinsetzen, nach 6 Stunden. Ich bin solche Pausen nicht wirklich gewohnt. Also mach ich doch etwas mit der freien Zeit. Ein Selfie.

Zwischendurch kommt eine Frau rein und fragt, ob ich Gesichtsenthaarung mache. Nein, auch das nicht. Meine Dienstleistungen stehen draußen angeschrieben mit den Preisspannen. Aber fragen kann man ja mal.

Das Selfie poste ich noch schnell auf Facebook, macht ja auch irgendwie Spaß mit seinen Kundinnen so in Kontakt zu bleiben.

Per Messenger (Traum oder Qual der technischen Möglichkeiten?) informiere ich meine nächste Kundin, dass sie gern schon kommen kann, da ich bereits früher als erwartet fertig bin.

 

Wir reden viel, wir kennen uns schon lange und liegen auf einer Wellenlänge. Ich erfahre vieles, was sie erlebt hat und was sie bewegt. Auch sie weiß, dass die Dinge immer vertraulich behandelt werden. Ich konzentriere mich auf den Schnitt, sie geniesst den Moment der Ruhe, um Kraft aufzutanken. Wieder eine Kundin, der ich offensichtlich gut getan habe. Mit meiner Arbeit und meiner Aufmerksamkeit für sie.

Sehr schön.

 

Meine Beine sind mittlerweile doch schon recht beansprucht, merke ich, aber bei der nächsten Kundin ist dies alles wieder ausgeblendet.

Sie wird wie immer fröhlich und freundlich empfangen als sei sie die Erste. Wir entscheiden uns ihren Haarschnitt abzuändern, um in eine neue Richtung zu gehen, während der Einwirkzeit ihrer Farbe rede ich ein wenig mit ihr über lustige Ereignisse und lege die getrockneten Handtücher und Umhänge zusammen. Sie geniesst ihre Zeit, die Kopfmassage und ich konzentriere mich anschließend wieder 100% auf den neuen Haarschnitt.

Wir beide freuen uns über diese Veränderung und sind zufrieden.

Es ist 18.30 Uhr. Meine letzte Kundin ist raus, ich bin erschöpft.

Ich räume alles langsam und ohne Zeitdruck auf, mache die Abrechnung und erledige,was sonst alles noch so angefallen ist. Diesmal bin ich nicht mehr ganz so schnell wie am Morgen.

Ich mache, nachdem ich nun endlich sitzen kann ein neues Selfie und poste es.

FEIERABEND! Es ist 19.30 und ich sitze,sitze,sitze das erste Mal ganz bewusst.

JETZT habe ich Pause.

Es wird langsam dunkel.

 

Und mir fällt wieder der Satz von der jungen Frau von heute Morgen ein.

Sie haben es schön! Keinen Stress!

 

Recht hat sie. Ich habe wirklich keinen Stress, weil ich vorab eine gute Planung und Organisation walten lasse.

Ich mag keine Hektik.

An diesem Tag waren es ca. 10 Stunden, die ich im Geschäft verbracht habe.

Ja, ich habe es WIRKLICH schön, weil ich mir mein Umfeld und meine Arbeitszeit schön gestalte und gern Zeit für meine Kundinnen habe.

Ich bin jeden Tag erschöpft, wie jeder andere beruftätige Mensch auch,

und ich bin glücklich.

 

Ich habe es schön!

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Tatjana Söllner

in Rheinfelden (D)

 


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